Niederländisch-deutsche Grenzgänge: Groninger Literaturwissenschaftler zu Besuch im ZHRF

Grenzen, Grenzziehungen und kriegerische Auseinandersetzungen um politische Macht- und geographische Herrschaftsbereiche waren für weite Teile der Geschichte prägend. Ebenso ließe sich die Vergangenheit aber auch als eine Geschichte von grenzüberschreitender Migration und Kooperation, von Kulturkontakten und -transfer erzählen – eine Perspektive, die für Forschende, die sich mit der Thematik des Reisens beschäftigen, besonders reizvoll und ergiebig ist. Umso mehr freuten sich die Mitglieder des ZHRF über den kollegialen Austausch mit Bart Ramakers von der Rijksuniversiteit Groningen, der im Juni zu Gast in Vechta war, um von einem seiner aktuellen Forschungsprojekte zu berichten. 

Ramakers, der an den Universitäten Nijmegen und Toronto Niederländische Sprache und Literatur sowie Mittelalterstudien studiert hatte, beschäftigt sich als Professor für ältere niederländische Literatur mit Theatertraditionen und mittelalterlichen Tierfabeln ebenso wie mit dem niederländischen Anatom der Aufklärungszeit Petrus Camper (1722-1789). Vielseitig an verschiedenen Aspekten der niederländisch-deutschen Kulturgeschichte interessiert, arbeitet er in Kooperation mit der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg und der Johannes a Lasco-Bibliothek in Emden in dem Projekt Grenzgänger in Ostfriesland – Alltag und Kultur in der Frühen Neuzeit. Außerdem hat Ramakers das Konsortium Noordergraf gegründet, in dem die Universität Groningen mit einer Reihe von Kulturerbe-Einrichtungen zusammenarbeitet, um die Erhaltung von Friedhöfen zu fördern.

Insbesondere Ostfriesland, seit jeher nordwestlichste Ecke deutscher Lande, spielte in der Frühen Neuzeit eine wichtige Rolle als Verbindung zu den Niederlanden. Im Süden von weiten Moorlandschaften und im Norden von der See begrenzt, fungierte die Region als transkultureller Schmelztiegel, in dem sich Alltag, Sprache, Wirtschaft und Kultur stark mit niederländischen Einflüssen vermischten. Die Tradition der Friesischen Freiheit, eine frühe Form bäuerlicher Selbstverwaltung, prägte bis weit über das Mittelalter hinaus nicht nur die Mentalität der Menschen in der Region. Vielmehr war deren Aufgeschlossenheit und Liberalität auch der Grundstein für wirtschaftliche Prosperität und kulturelle Vielfalt. So wurde die Stadt Emden dank des kaufmännischen Wissens der zugewanderten calvinistischen Glaubensflüchtlinge aus den Spanischen Niederlanden zu einer der reichsten europäischen Hafenstädte des 16. Jahrhunderts. Der rege Austausch in dem grenzüberschreitenden, als durchlässig erlebten Grenz- und Kulturraum hielt bis ins 19. Jahrhundert an. 

Aus den ersten Jahrzehnten dieses Jahrhunderts stammen jene Reiseberichte, deren Entstehungskontext Bart Ramakers im Zentrum für Historische Reiseforschung vorstellte. Im Jahr 1809 waren fünf Groninger Studenten, darunter der Naturforscher Theodorus van Swinderen (1784-1851), auf Studienreise zu deutschen Universitäten, um sich vor Ort über deren Struktur, Ausstattung und Arbeitsweise zu informieren und selbst einige Vorlesungen zu besuchen. Vorrangiges Ziel war das damals westfälische Göttingen, in dem unter anderem der Anatom und Anthropologie Johann Friedrich Blumenbach (1752-1840) lehrte. Nach ihrer Rückkehr publizierte van Swinderen die gewonnenen Reiseeindrücke in Briefform: Brieven geschreven op eene wandeling door een gedeelte van Duitschland en Holland in den Zomer van 1809, Groningen 1810, gewidmet ihrem verstorbenen Reisegefährten Jan Jacob Modderman. 

Abb.: Publikation: Theodorus van Swinderen, Brieven (1810) – Quelle: Koninklijke Bibliotheek/Niederländische Nationalbibliothek, Den Haag

Foto: Bart Ramakers – Quelle: ZHRF/BS

Nachdem Theodorus van Swinderen 1814 von der Universität Groningen zum Professor für Naturgeschichte ernannt worden war, regte er seine Studierenden dazu an, seine Deutschlandreise von 1809 zu wiederholen. Der Jahre zuvor veröffentlichte Bericht diente nun als hilfreicher Reiseführer. Auch auf diesen Studienfahrten der Jahre 1816 beziehungsweise 1819 entstanden Reiseberichte, die bis heute im Groninger Archieven beziehungsweise im Frysk Histoarysk en Letterkundich Sintrum, kurz Tresoar, in Leeuwarden erhalten sind. Im Gegensatz zum förmlichen, zur Publikation vorgesehenen Bericht van Swinderens enthalten diese Manuskripte auch viele persönliche Eindrücke, Anekdoten und detailreiche Schilderungen des studentischen Alltags. Beschrieben werden unter anderem Kleidungsstil und fechtwütige Duellierlust der Göttinger Studenten, Blumenbachs anatomische Schädelsammlung, die Ausstattung besuchter Landsitze und Herrenhäuser, aber auch die geologische Beschaffenheit der Landschaft und deren Ausbeutung durch Bergbau. Insgesamt, so Ramakers, lassen sich die Reiseberichte gleichermaßen als Dokumente der Spätaufklärung als auch der Frühromantik lesen, in denen sich naturwissenschaftliches Interesse mit der romantischen Begeisterung für Naturerfahrung auf Wanderschaft paart.

Als nächster Schritt ist die digitale Edition der handschriftlichen Aufzeichnungen, ein Abgleich mit nicht veröffentlichten Notizen van Swinderens sowie die Ergänzung der Digitalisate um Hintergrundinformationen und historisches Kartenmaterial geplant.  Inwiefern ähnliche Vorhaben des ZHRF zur KI-gestützten Publikation frühneuzeitlicher Reisesammlungen zu einer gewinnbringenden Kooperation führen können, werden weitere gemeinsame Treffen im Sinne einer niederländisch – norddeutschen Kooperation zeigen. 

17.-19.06.26 | Handelsplatz und Weltkulturerbe: Von der Speicherstadt zur Hafen-City

Die Universitäten Vechta (Deutschland) und Bordeaux Montaigne (Frankreich) veranstalten vom 17. – 19. Juni 2026 in Kooperation mit der Universität Karthago (Tunesien) und dem Zentrum für Historische Reiseforschung (ZHRF) eine von der Deutsch-Französischen Hochschule (DFH) geförderte wissenschaftliche Nachwuchstagung zum Thema: „Handelsplatz und Weltkulturerbe: Von der Speicherstadt zur Hafen-City: Arbeits- und Lebenswelten im Hamburger Hafen im 19. und 20. Jahrhundert“.

Veranstalter : Universität Vechta, Deutschland; Bordeaux Montaigne, Frankreich; Universität Karthago, Tunesien; Zentrum für Historische Reiseforschung (ZHRF)

Ausrichter : Universität Vechta

Gefördert durch : Deutsch-Französische Hochschule

Findet statt : In Präsenz, Warburg-Haus Hamburg

Vom – Bis : 17.06.2026 – 19.06.2026

28.-30.05.26 | Handelsplatz und Weltkulturerbe: Bordeaux in der Frühen Neuzeit

Die Universitäten Bordeaux Montaigne (Frankreich) und Vechta (Deutschland) veranstalten vom 28. – 30. Mai 2026 in Kooperation mit der Universität Karthago und dem Zentrum für Historische Reiseforschung (ZHRF) eine von der Deutsch-Französischen Hochschule (DFH) geförderte wissenschaftliche Nachwuchstagung zum Thema: „Handelsplatz und Weltkulturerbe: Bordeaux in der Frühen Neuzeit – Hafenstadt zwischen großbürgerlicher Prosperität und kolonialer Prägung“.

Veranstalter : Universität Bordeaux Montaigne; Universität Vechta; Universität Karthago; in Kooperation mit dem Zentrum für Historische Reiseforschung (ZHRF)

Ausrichter : Universität Bordeaux Montaigne

Gefördert durch : Deutsch-Französische Hochschule

Findet statt : In Präsenz

Vom – Bis : 28.05.2026 – 30.05.2026

08.04.26 | Das ZHRF in der OM

Foto: C. Heinzel / OM.
Ausschnitt & Bearbeitung: J. Luhmann / ZHRF

Von Ibn Fadlān bis Humboldt: Vechtaer Forscher durchforsten Reiseliteratur

Das Zentrum für Historische Reiseforschung hält Informationen über andere, teils nicht mehr existierende Kulturen, fest – und will jetzt einen neuen wissenschaftlichen Standard schaffen.

Christoph Heinzel | 08.04.2026

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Call for Papers | Handelsplatz und Weltkulturerbe: Von der Speicherstadt zur Hafen-City

Die Universitäten Vechta (Deutschland) und Bordeaux Montaigne (Frankreich) veranstalten vom 17. – 19. Juni 2026 in Kooperation mit der Universität Karthago (Tunesien) und dem Zentrum für Historische Reiseforschung (ZHRF) eine von der Deutsch-Französischen Hochschule (DFH) geförderte wissenschaftliche Nachwuchstagung zum Thema: „Handelsplatz und Weltkulturerbe: Von der Speicherstadt zur Hafen-City: Arbeits- und Lebenswelten im Hamburger Hafen im 19. und 20. Jahrhundert“.

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Veranstalter : Universität Vechta, Deutschland; Bordeaux Montaigne, Frankreich; Universität Karthago, Tunesien; Zentrum für Historische Reiseforschung (ZHRF)

Ausrichter : Universität Vechta

Gefördert durch : Deutsch-Französische Hochschule

Findet statt : In Präsenz, Warburg-Haus Hamburg

Vom – Bis : 17.06.2026 – 19.06.2026

Deadline : 15.03.2026

Call for Papers | Handelsplatz und Weltkulturerbe: Bordeaux in der Frühen Neuzeit

Die Universitäten Bordeaux Montaigne (Frankreich) und Vechta (Deutschland) veranstalten vom 28. – 30. Mai 2026 in Kooperation mit der Universität Karthago und dem Zentrum für Historische Reiseforschung (ZHRF) eine von der Deutsch-Französischen Hochschule (DFH) geförderte wissenschaftliche Nachwuchstagung zum Thema: „Handelsplatz und Weltkulturerbe: Bordeaux in der Frühen Neuzeit – Hafenstadt zwischen großbürgerlicher Prosperität und kolonialer Prägung“.

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Veranstalter : Universität Bordeaux Montaigne; Universität Vechta; Universität Karthago; in Kooperation mit dem Zentrum für Historische Reiseforschung (ZHRF)

Ausrichter : Universität Bordeaux Montaigne

Gefördert durch : Deutsch-Französische Hochschule

Findet statt : In Präsenz

Vom – Bis : 28.05.2026 – 30.05.2026

Deadline : 15.02.2026

Call for Papers | Digitale Methoden und Forschungsinfrastrukturen für die Geistes- und Sozialwissenschaften

Die wachsende Bedeutung digitaler Methoden stellt die Geistes- und Sozialwissenschaften vor neue Herausforderungen und eröffnet zugleich vielfältige Chancen. Frühneuzeitliche historische Reiseberichte sind eine besonders aufschlussreiche Quellengattung, die Informationen in Text- und Bildform zu Kulturkontakten, Mobilität, Wahrnehmungsgeschichte und Wissenszirkulation bietet. Ihre systematische digitale Erschließung erfordert innovative Ansätze, die über klassische Katalogisierung und einfache digitale Bereitstellung hinausgehen.

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Veranstalter : Universität Vechta; Zentrum für Historische Reiseforschung e.V.

Ausrichter : Universität Vechta

Findet statt : In Präsenz, Universität Vechta, Große Straße 97

Am : 21.01.2026

Deadline : 16.12.2025

Das ZHRF ersteht zwei bedeutsame historischen Reisesammlungendes 18. Jahrhunderts

Dank der großzügigen Unterstützung durch die Landessparkasse zu Oldenburg (LzO), die Elisabeth und Carl Leiber Stiftung sowie die Anna und Heinz von Döllen Stiftung ist es dem ZHRF gelungen, zwei besonders bedeutsame historische Reisesammlungen des 18. Jahrhunderts zu erstehen. Aufbauend auf diesen Sammlungen und in Verbindung mit den modernen Technologien unserer Zeit, wird es sich darum bemühen, historische Quellen, semantisches Web und Künstliche Intelligenz in Einklang zu bringen und über europäische und nationale Forschungsförderungsprogramme zukunftsweisende wissenschaftliche Erkenntniswege zu erschließen, die auch für andere geistes- und sozialwissenschaftliche Forschungsfelder methodisch relevant sein können. 

Bei den beiden historischen Sammlungen des 18. Jahrhunderts handelt es sich um die folgenden Ausgaben: 

Histoire générale des voyages, oder Neue Sammlung aller Reiseberichte zu Wasser und zu Lande des Abbé Prevost, deren 20 Bände in den Jahren 1746 – 1789 in französischer Sprache veröffentlicht wurden. 

Allgemeine Historie der Reisen zu Wasser und Lande, oder Sammlung aller Reisebeschreibungen, deren 21 Bände in den Jahren 1747 bis 1774 von Johann Joachim Schwabe herausgegeben wurden.

Das ZHRF bedankt sich bei den genannten Stiftungen für ihr großes Engagement und die hilfreiche Unterstützung.

12.09.25 | Gefangenschaft erzählen in der Frühen Neuzeit – eine Reise nach Eutin

Am Freitag den 12. September 2025 brach ich am sehr frühen Morgen mit dem Auto auf eine kleine Reise aus dem Oldenburger Münsterland auf zur Landesbibliothek Eutin in Schleswig-Holstein, um an einer interdisziplinären Konferenz teilzunehmen, die von den Kollegen Alexander Schunka, Volkhard Wels und Jost Eickmeyer in den Räumlichkeiten der Forschungsstelle für historische Reiseliteratur organisiert wurde und die schon zwei Tage zuvor mit einem Abendvortrag von Andreas Bähr über Erzählungen von Gefangenschaft und Schiffbruch eingeleitet worden war …

Weiterlesen im beigefügten Dokument

30.09.-02.10.25 | Tagungsprogramm: Handelsplatz und Weltkulturerbe

Die Universitäten Vechta (Deutschland) und Bordeaux Montaigne (Frankreich) veranstalten vom 30. September bis 2. Oktober 2025 in Kooperation mit der Universität Karthago und dem Zentrum für Historische Reiseforschung (ZHRF) eine von der Deutsch-Französischen Hochschule (DFH) geförderte Nachwuchstagung zum Thema „Handelsplatz und Weltkulturerbe: Die antike Hafenstadt Karthago“.

Für die Tagung steht nun das aktuelle Programm zur Einsicht bereit. Über das Dreipunkte-Menü kann das Dokument heruntergeladen werden.

WEITERE BEITRÄGE IM RAHMEN DER PARTNERSCHAFT MIT PROF. DR. GHERAIRI VON DER UNIVERSITÄT KARTHAGO:

19.06.25 | Besuch von Prof. Dr. Ghazi Gherairi

Auch in diesem Jahr laden wir zu einem Vortrag von Prof. Dr. Ghazi Gherairi ein (ehemaliger UNESCO- und OIF-Botschafter Tunesiens). Er referiert über das folgende Thema: „The contribution of the Palais Ksar Essaid painting collection to the writing of the history of modern Tunisian political law“.
Im Rahmen der International Week reist Prof. Gherairi bereits zum zweiten Mal in die Universitätsstadt Vechta.


Datum: 19. Juni 2025
Ort: Raum P110
Uhrzeit: 10 – 12 Uhr