Kategorie: Museum/Tagung/Workshop
12.09.25 | Gefangenschaft erzählen in der Frühen Neuzeit – eine Reise nach Eutin
Am Freitag den 12. September 2025 brach ich am sehr frühen Morgen mit dem Auto auf eine kleine Reise aus dem Oldenburger Münsterland auf zur Landesbibliothek Eutin in Schleswig-Holstein, um an einer interdisziplinären Konferenz teilzunehmen, die von den Kollegen Alexander Schunka, Volkhard Wels und Jost Eickmeyer in den Räumlichkeiten der Forschungsstelle für historische Reiseliteratur organisiert wurde und die schon zwei Tage zuvor mit einem Abendvortrag von Andreas Bähr über Erzählungen von Gefangenschaft und Schiffbruch eingeleitet worden war …
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26.08.25 | Draiflessen Collection
Auf Anregung der befreundeten Kollegin und Direktorin des Kulturanthropologischen Instituts Oldenburger Münsterland (KAI-OM), Christine Aka, besuchten fünf Mitglieder des Zentrums für Historische Reiseforschung e.V. (ZHRF) an einem schönen Sommertag Ende August 2025 die Draiflessen Collection im westfälischen Heimatort der Unternehmerfamilie Brenninkmeijer …
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06.25 | Eine Reise nach Granada
Warum sollte man in einer Zeit, in der künstliche Intelligenz in zunehmendem Maße an Bedeutung gewinnt und das Weltgeschehen manchmal auf einen Verlust menschlicher Intelligenz hinzuweisen scheint, in der Videoplattformen den virtuellen Austausch über Ländergrenzen hinweg ermöglichen und vermeintlich soziale Netzwerke Millionen von Menschen beeinflussen, in der immer mehr Daten und Fakten online zur Verfügung stehen und dabei doch immer weniger eine Rolle zu spielen scheinen, auf traditionelle Weise durch Europa reisen, um sich mit anderen Menschen zu einem wissenschaftlichen Austausch zu treffen?
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17.06.25 | Auf den Spuren des Weltkulturerbes in Jever
Am 17. Juni 2025 besuchte eine kleine Delegation des Zentrums für Historische Reiseforschung (ZHRF) in Begleitung des ehemaligen tunesischen Botschafters bei der UNESCO, Prof. Dr. Ghazi Gherairi, eine der ältesten Städte Niedersachsens. Die Besiedlung der im nordöstlichen Teil der ostfriesischen Halbinsel gelegenen Stadt Jever, die zahlreiche historische, kulturelle, technische und auch botanische Sehenswürdigkeiten bietet, reicht weit in die Vergangenheit zurück.
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13.-14.02.25 | Hin und Weg! Reisen und seine Motive
| PUBLIKATION DER REISEBERICHTE
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Der vorliegende kleine Reiseband resultiert aus einem Workshop der bischöflichen Studienförderung des Cusanus-Werks, der vom 13. bis zum 14. Februar 2025 im Ludwig-Windhorst-Haus in Lingen stattfand.
Das Cusanuswerk gehört zu den ältesten Begabtenförderungswerken in Deutschland. 1956 gegründet, hat es in den über 60 Jahren seines Bestehens mit staatlichen, kirchlichen und privaten Zuwendungen zahlreiche Studierende und Promovierende gefördert – ideell und finanziell. Wesentlicher Bestandteil der Förderung ist ein interdisziplinär angelegtes Bildungsprogramm, das in der Diskussion über Wissenschaft und Glaube, Gesellschaft und Kirche die Verantwortungsbereitschaft und die Dialogfähigkeit der Stipendiatinnen und Stipendiaten stärken will. Namenspatron der Studienförderung ist eine der bedeutendsten Gelehrtenpersönlichkeiten des Spätmittelalters, Nicolaus Cusanus (1401–1464), der im Sinne eines Universalgelehrten in den unterschiedlichsten Wissenschaftsdiskursen tätig war, sich auch um eine Verständigung mit dem Islam bemühte und die Vorstellung einer Einheit aller Religionen entwickelte. Sein Denken kreiste um das Konzept des Zusammenfalls der Gegensätze zu einer Einheit, in der sich die Widersprüche zwischen scheinbar Unvereinbarem auflösen.
| TEILNEHMENDE DES WORKSHOPS


28.11.24 | Vom Sakral- zum Profanbau: Zu Besuch in der Johannes a Lasco Bibliothek Emden
Am 28. November 2024 besuchte eine kleine Delegation des ZHRF die Johannes a Lasco Bibliothek in Emden, ein bemerkenswertes Zeugnis einer gelungenen Symbiose aus Alt und Neu, aus den Ruinen der im 2. Weltkrieg zerstörten Großen Kirche und einem modernen, durch schlichte Funktionalität und Sachlichkeit geprägten Bibliotheksbau aus den 1990er Jahren.
22.08.24 | Auf den Spuren von Adam Olearius
In seiner Offt begehrte(n) Beschreibung der Newen Orientalischen Reise von 1647 warf der 1599 in Aschersleben geborene Universalgelehrte Adam Olearius, der von 1639 bis zu seinem Tod im Jahr 1671 auf Schloss Gottorf wirkte, einen für die damalige Zeit sehr modernen Blick auf das Alltägliche der Menschen und Gesellschaften, die er auf seiner Reise von Livland über Russland bis nach Persien beobachtete.
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„Von Ort zu Ort: Digitales Edieren von Reisenarrativen – Neue Perspektiven“ am IOS Regensburg
Am 1. und 2. Februar 2024 fand am Leibniz-Institut für Ost- und Südosteuropaforschung (IOS) in Regensburg der Workshop „Von Ort zu Ort: Digitales Edieren von Reisenarrativen – Neue Perspektiven“ statt, der vom DFG-geförderten Forschungsprojekt „Digitale Editionen Historischer Reiseberichte“ (DEHisRe) organisiert wurde. Der Workshop konzentrierte sich auf die Rolle von Annotationen als Orientierungshilfen in der digitalen Informationslandschaft, wobei insbesondere Ansätze der Textkodierung mit TEI für die Digitalisierung historischer Reiseberichte im Fokus standen.
Die Tagung begann mit einer Begrüßung und Einführung durch Sandra Balck und Jacob Möhrke vom IOS Regensburg.
Jörg Wettlaufer (NAWG Göttingen), Tarjia Alam Nisha (Universität Göttingen) und Franziska Pannach(Groningen University) präsentierten alte und neue Methoden zur Erkennung und Visualisierung von Itineraren in mittelalterlichen und neuzeitlichen Reiseberichten. Es wurde eine Annotationsrichtlinie zur Auszeichnung von Beziehungen zwischen Personen, Orten und Ereignissen vorgestellt. Durch die Nutzung eines Open AI Custom-GPT mit trainierten Beispieltexten sollen historische Ortsbezeichnungen und komplexe Beziehungsstrukturen automatisiert erkannt und geocodiert werden. Die Herausforderung besteht hierbei darin, die zahlreichen genannten Orte nicht nur zu identifizieren, sondern auch zu unterscheiden, ob sie tatsächlich besucht oder nur erwähnt wurden. Hier müssen Korrekturen noch von Hand vorgenommen werden. Die bisherigen Erfahrungen mit Large Language Models (LLMs) zeigten gute Fähigkeiten im Bereich der Named Entity Recognition (NER), jedoch Schwierigkeiten bei größeren Textmengen.
Anna-Lena Schumacher (Institut für vergleichende Städtegeschichte Münster) präsentierte das Projekt HisMaComp (Historical survey maps and the comparative study of the functionality and morphology of urban space), das vom Institut für vergleichende Städtegeschichte Münster und der Uniwersytet Mikołaja Kopernika Toruń durchgeführt wird. Das Projekt erfasst städtische Objekte aus historischen Katastern und Stadtkarten und analysiert deren topographische und semantische Eigenschaften. Herausforderungen bestehen in der Erfassung und Kartographierung historischer Ortsdaten mithilfe von GIS und der Erstellung einer umfassenden Ontologie.
Maria Dötsch und Matthias Bremm (TCDH / Universität Trier) zeigten die kultur- und sprachhistorische Annotation eines spätmittelalterlichen Reiseberichts im Forschungsnetzwerk und Datenbanksystem FuD der Universität Trier, das Transkription und Annotation historischer Texte ermöglicht. Der im moselfränkischen Dialekt verfasste Pilgerbericht des Koblenzer Bürgers Peter Fasbender, der Anmerkungen von unbekannter zweiter Hand enthält, ist ein seltenes Beispiel eines bürgerlichen Selbstzeugnisses aus der Region Mosel. Die Edition strebt eine synoptische Präsentation mit Unterscheidung der verschiedenen Annotationsebenen an, wobei der Index in den Text eingebettet werden soll. Ferner soll eine Übertragung sowie eine Vertonung beigefügt werden, um den moselfränkischen Dialekt erlebbar zu machen. Als herausfordernd wurde die genaue Erfassung von Dialekten und die Verknüpfung von Metadaten mit Normdaten betrachtet.
Marc Lemke und Nils Kellner (Universität Rostock) stellten den Workflow im DFG-Projekt Computational Approaches to Narrative Space in 19th and 20th Century Novels (CANSpiN) vor. Das Projekt CANSpiN befasst sich mit der Annotation und automatischen Erkennung räumlicher Ausdrücke in literarischen Texten. Als Korpus dienen jeweils 300 Romane in deutscher und spanischer Sprache, wobei für die Auswahl entscheidend war, ob der Text für XML TEI verfügbar ist, da das Projekt auf vorhandene Digitalisate zurückgreifen muss. Ziel ist es, die räumliche Struktur der erzählten Welt darzustellen und die narrative Funktion raumreferentieller Ausdrücke zu analysieren.
Christopher Zoller-Blundell und Nicolau Lutz (Eisenbibliothek Schlatt, Schweiz) präsentierten die digitale Edition der (Reise-)Tagebücher des Metallurgen Johann Conrad Fischer (1773-1854), der zwischen 1794 und 1851 ausgedehnte technologische Reisen insbesondere nach England unternommen hatte. Das Ziel war es, Johann Conrad Fischer als einen Augenzeugen der Industriellen Revolution sichtbar werden zu lassen und wohl auch einen Beitrag zur Unternehmensgeschichte der Georg Fischer AG zu leisten. Für die Illustration der Edition wurden manuelle Bildersuchen mittels Google vorgenommen oder auf die Beständen der Welcome Collection zurückgegriffen. Hierbei erwies sich als problematisch, dass technische Begriffe zur Entstehungszeit der Tagebücher noch nicht vorhanden bzw. nicht normiert waren.
Michela Vignoli (AIT Wien) stellte das Projekt „Ottoman Nature in Travelogues, 1501–1850: A Digital Analysis (ONiT)“ der Österreichischen Akademie der Wissenschaften vor. Das Korpus umfasst etwa 2500 zwischen 1500-1850 entstandene Druckschriften. Durch den Einsatz von KI und contrastive learning models sollen intermediale semantische Suchen ermöglicht und soziokulturelle Konzepte identifiziert werden. Die Herausforderungen liegen in der detaillierten Erkennung von Bildelementen bei der Bildextraktion und der Validierung der Modelle.
Wege in die computationale Editionswissenschaft vom Glyphen hin zu Graphen zeigte Elisa Cugliana(Universität Köln) auf. Bei der Herausgabe von Editionen als Daten bzw. Interfaces monierte sie etwa die reduzierte Nachvollziehbarkeit von Transkriptionsentscheidungen. Potentiale der Digitalität würden noch nicht ausgeschöpft. Sie plädierte für einen computationalen Ansatz, der semantische Annotationen auf multiplen, nicht hierarchischen Ebenen vornimmt. Aktuell arbeitet sie an einer Edition des mittelalterlichen Losbuches „Prenostica Socratis Basilei“, der in der BSB München verfahrt wird. Da Losbücher nicht linear gelesen werden, sondern eher als interaktives Spiel zu betrachten sind, benötigt sie eine Technologie, die Sub- und Superstrukturen im Text erkennt und Text und Dokument granular beschreibt. Daher erhält jeder Buchstabe eine eigene URN, um die Editionsentscheidungen transparent zu machen.
Andreas Kuczera (THM Gießen) sprach zu digitalen Editionen als Netzwerke von Texten. Ausgehend von Eulers Königsberger Brückenproblem erläuterte er die Anwendung von Labeled Property Graphs zur Analyse hochvernetzter Daten. Er stellte insbesondere das laufende Projekt der graphbasierten digitalen Edition der sozinianischen Briefwechsel vor. Hierbei handelt es sich um eine transnationale protestantische Minderheit, deren wissenschaftliches Netzwerk als voraufklärerisch bezeichnet werden kann. Die Edition der etwa 2000 überlieferten Briefe, die aus den Jahren 1580 bis 1740 stammen, bietet mittels einer textkritischen Kommentierung und Regesten auch Auswertungsmöglichkeiten über eine Verschlagwortung der edierten Texte, was Diskurse nachvollziehbar machen soll.
Ingo Frank (IOS Regensburg / HAB Wolfenbüttel) sprach zur frühneuzeitlichen Verkehrsinfrastruktur im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation und ihre geleitrechtlichen Eigenheiten. In diesem Zusammenhang präsentierte er das Projekt Digitale Kartenwerkstatt Altes Reich (DigiKAR), das Konzepte zur Erfassung, Modellierung und Visualisierung von frühneuzeitlichen Geodaten erprobt. Der Fokus liegt zum einen auf der semantischen Annotation historischer ortsbezogener Informationen und zum anderen auf der prosopographischen Untersuchung geografischer und sozialer Mobilität.
Hierbei wird ein punktbasierter Ansatz verfolgt, der z.B. kirchliche oder grundherrschaftliche Zugehörigkeiten jenseits der Flickenteppichkarten aufzeigen möchte.
Die Tagung verdeutlichte die vielfältigen Möglichkeiten und Herausforderungen der digitalen Edition von Reisenarrativen. Automatisierte Methoden zur Erkennung und Visualisierung von Itineraren sowie die Nutzung von Annotationstools und KI bieten zwar neue Perspektiven, erfordern jedoch auch sorgfältige (manuelle) Kontrolle und Validierung. Die Integration von GIS und Ontologien in die historische Forschung ermöglicht eine tiefere geosemantische Analyse, stellt jedoch hohe Anforderungen an die Datenqualität u
Bericht über die Ausstellung „Ferne Länder, ferne Zeiten“ im Folkwang Museum Essen

Im Folkwang Museum Essen war vom 15. März 2024 bis zum 7. Juli 2024 die Ausstellung „Ferne Länder, ferne Zeiten. Sehnsuchtsfläche Plakat“ zu sehen, die die Entwicklung und Wirkung von Reiseplakaten als „Sehnsuchtsflächen“ vom späten 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart nachzeichnete. Die Kuratoren trugen rund 240 historische und zeitgenössische Plakate zusammen, die von zahlreichen Photochromen, Postkarten und dem Nachbau eines Kaiserpanoramas ergänzt wurden.
Die Ausstellung bot nicht nur einen visuellen Einblick in die Ästhetik und die Veränderungen der Reisewerbung über die Jahrzehnte hinweg, sondern wurde zusätzlich durch die literarischen Beiträge der Schriftstellerin Felicitas Hoppe bereichert, die für die Ausstellung „literarische Kopfreisen“ verfasste und sie selbst für die Museum Folkwang-App einsprach. Diese Texte boten den Besuchern eine zusätzliche Dimension der Reflexion und Interpretation und können im Ausstellungskatalog sowie in einem Begleitbuch nachgelesen werden.

Zur Zeit der Jahrhundertwende waren Reiseplakate für eine kleine, sehr wohlhabende Bevölkerungsschicht bloße Werbung. Für das Gros der Bevölkerung waren diese jedoch etwas anderes – Sehnsuchtsflächen, die es den Betrachtern erlaubten, sich an Orte zu imaginieren, von denen feststand, dass sie diese vermutlich niemals selbst sehen würden. Auf diese Art und Weise dienten die Plakate dazu, um Fernweh zu stillen.
Für Reisen um 1900 lag den Fokus auf den beiden touristischen Hauptreisezeiten. Im Sommer traten viele Reisende die Flucht aus überhitzten, staubigen Großstädten an. Daher wurden im überwiegenden Anteil der Plakate die Badeorte des Mittelmeerraums, aber auch der Alpenraum beworben. Im Winter konnte man entweder der Kälte an die Riviera oder nach Nordafrika entfliehen oder sich in den Alpen den eisigen Vergnügungen des Wintersports hingeben.

Neben Plakaten wurden in der Ausstellung weitere Medien gezeigt, die zur Zeit der Jahrhundertwende einen Blick in die Ferne erlaubten. Neben Postkarten und Photochromdrucken (lithographisch kolorierte Photographien) bot sich für die Besucher der Ausstellung die Gelegenheit, ein nachgebautes „Kaiserpanorama“ zu benutzen.
Bei diesem ersten modernen Massenmedium konnten mehrere Personen gleichzeitig durch Gucklöcher stereoskopische Bilderserien betrachten, die einen Eindruck von der Exotik ferner Länder vermitteln sollten.

Als Auftraggeber der Reiseplakate traten nicht nur die Regionen und die Hotels in Erscheinung, sondern auch Eisenbahngesellschaften wie beispielsweise die Compagnie Internationale des Wagons-Lits (CIWL), die unter anderem den berühmten Orientexpress betrieb. Bis zum Ende des Ersten Weltkriegs, der die Reisetätigkeit stark einschränkte, blieb die Gestaltung der Plakate in einem einheitlichen, sehr malerisch gehaltenen konventionellen Stil, der jedoch zeitgenössische künstlerische Entwicklungen wie Jugendstil oder Art Nouveau nicht aufgriff.
Die Gestaltung der Plakate änderte sich erst im Verlauf der 1920er und insbesondere in den 1930er Jahren. Beeinflusst vom mondänen Stil des Art decó oder der Neuen Sachlichkeit, spiegelte sich in den Plakaten die fortschreitende Technisierung wider. So standen nun der Zug als Reiseziel selbst und insbesondere die gesteigerten Reisegeschwindigkeiten, die bis zum 130 Kilometer pro Stunde erreichen konnten, im Fokus.

Auch wurden nun nicht nur mondäne Badeorte an der Riviera oder exotische Traumziele wie Ägypten oder Konstantinopel beworben, sondern auch nähergelegene Regionen. Durch die Einführung von bezahltem Urlaub in der Weimarer Republik, konnten nun auch breitere Bevölkerungsschichten eine Reise antreten, für die ein passendes Angebot bereitgehalten wurde. Neu ist, dass neben Landschaften nun auch vermehrt urbane Architekturen als lohnende Reiseziele in Szene gesetzt wurden.
Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten im Jahre 1933 wurde der Urlaubsanspruch erhöht. Die NS-Organisation „Kraft durch Freude“ (KdF) bot organisierte und subventionierte Reisen an, die neben der Stärkung der nationalsozialistischen Volksgemeinschaft auch der Stärkung der Arbeitskraft dienen sollten.

Dies spiegelte sich auch in den Plakaten wider: so wurde nach dem Anschluss Österreichs im Jahre 1938 der Großglockner als höchster Berg Deutschlands beworben.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs waren Flugzeuge zumeist noch als Gefahrenquelle im Bewusstsein der deutschen Bevölkerung, was sich jedoch durch die Berliner Luftbrücke 1948/49 änderte, bei der die britische Royal Air Force und die us-amerikanische US Air Force Westberlin durch über 275.000 Transportflüge versorgten. Eine Urlaubsreise mit einem Flugzeug konnten sich jedoch nur sehr wenige Menschen leisten, wobei mit dem Wirtschaftswunder auch in Deutschland der Bedarf zunahm.
Ab 1955 nahm die neugegründete Lufthansa den Flugverkehr mit Linienflügen auf. Die zeitgleiche Einführung von Strahltriebwerken durch Pan Am läutete das Zeitalter der Passagierjets und zugleich des beginnenden Massentourismus ein, der nun auch große Entfernungen überwinden konnte. In den 1950er Jahren beauftragten einige Airlines namhafte Künstler, ganze Plakatserien zu entwerfen, die durch ihre künstlerische Qualität und innovative Gestaltung hervorstechen.

Mit dem Reisen in Zeiten von Nachhaltigkeitsforderungen und Klimakrise setzten sich Studierende der AMD Akademie für Mode und Design in Düsseldorf auseinander und stellten beispielsweise die Dichte des heutigen Flugverkehrs in einer Animation von sich überlagernden Kondensstreifen dar.
Am Schluss der Ausstellung wurde die Plakatserie „The Grand Tour: Jupiter / Saturn / Uranus / Neptun“ der NASA aus dem Jahr 2019 präsentiert, die für ferne Ziele im Weltraum warb. Diese stellt somit eine aktuelle Form der Sehnsuchtsfläche dar, bei der jedoch unklar ist, ob diese Reiseziele jemals von Menschen werden können.
Besuch der Tagung in Eutin
Schlüsselthemen internationaler Reiseforschung
Unter dem vorstehenden Motto stand eine Konferenz, die vom 31. Mai bis 3. Juni 2023 in der Eutiner Landesbibliothek stattfand. Während sich unsere kleine Gruppe, zu der drei engagierte Doktorand:innen des ZHRF gehörten, die aus historischer Perspektive über frühneuzeitliche Reiseberichte promovieren, am Mittwoch und Samstag auf digitalem Wege zuschaltete, nahmen wir am Donnerstag und Freitag in Präsenz teil, um uns vor Ort über den Stand der Arbeiten zu informieren, die von der Forschungsstelle zur historischen Reisekultur in Eutin initiiert werden.

Vor etwas mehr als dreißig Jahren von Wolfgang Griep gegründet, dann von Susanne Luber und Axel E. Walter weitergeführt und seit kurzem von Jost Eickmeyer geleitet, zeigt sich diese literaturwissenschaftlich geprägte, wenn auch anderen Wissenschaftsrichtungen offenstehende Einrichtung bestrebt, Reiseliteratur von der Frühen Neuzeit bis zur Gegenwart zu sammeln, zu erschließen, zugänglich zu machen und zu erforschen.
Malerisch am Eutiner See in unmittelbarer Nähe einer kleinen und gefälligen barocken Schlossanlage gelegen, die Zeugnis von mehr
als 850 Jahren bewegter Geschichte ablegt und über einen schönen englischen Landschafts- und historischen Küchengarten verfügt, darüber hinaus über eine Arp Schnitger Orgel und etliche Tischbein Gemälde, ist die zur Eutiner Landesbibliothek gehörende Forschungsstelle ein sehr gutes Beispiel dafür, dass es sich nicht nur lohnt in Wissenschaft und Kultur zu investieren, sondern dass ein entsprechendes politisches und finanzielles Engagement unabdingbar ist, wenn wir uns als Gesellschaft in unserer Geschichte und Kultur verorten wollen. Man kann dem Bundesland Schleswig-Holstein und dem Landkreis Ost-Holstein zu dieser Einrichtung nur gratulieren.
Das Reisen in nahe und ferne Welten, Formen der Selbst- und Fremdwahrnehmung sowie -verortung, die Auseinandersetzung mit anderen Menschen, Kulturen, politischen und wirtschaftlichen Strukturen, sozialen Rahmenbedingungen sowie Landschafts- und Naturräumen, war in der Vergangenheit und ist auch heute nicht nur mit Vergnügen, sondern manchmal auch Mühsal, Krankheit und sogar Tod verbunden, nicht nur mit Erkenntnisgewinn, sondern oft auch mit Eroberung und Krieg, resultierte vielfach auch aus Not, Flucht und Vertreibung. Die schriftlichen und bildlichen Zeugnisse von Reisen bieten deshalb im Spannungsfeld von Geschichte und Literatur, von Wahrheit und Dichtung, eine besonders wertvolle und vielseitige Quellengrundlage. Sie spiegeln nicht nur die Geschichte der Wahrnehmung des Fremden wider, sondern auch die historischen Grundlagen der Globalisierung.
Sie standen in der Vergangenheit und stehen auch noch heute für eine gewisse Art der Weltaneignung. Letztere reicht von kultureller und sozialer Begegnung bis hin zu kolonialer Eroberung, von missionarischem Eifer bis hin zu touristischen Zielsetzungen im zeitgenössischen Sinn.
Die Gattung der Reiseliteratur und -berichte bietet folglich für die historische Forschung sowie literatur-, kultur-, sozialwissenschaftliche sowie anderweitige Fragestellungen etwa aus den Bereichen der historischen Bildforschung, der Anthropologie, der Tourismusforschung oder der Natur- und Umweltwissenschaften reichhaltiges Material, zu dessen Interpretation die Eutiner Forschungsstelle durch die hier besprochene Konferenz beitragen wollte und dieses auch durchaus erfolgreich tat.

Der wissenschaftlich nachvollziehbare, sowohl interdisziplinäre als auch internationale Ansatz schien dabei in gewisser Weise der Tatsache geschuldet, dass es in Deutschland gegenwärtig nur begrenzt genuine Forschungen zur historischen Reiseliteratur aus dem Bereich der Literatur- und Geschichtswissenschaften gibt.
Die oftmals gelungenen und zeitweise durchaus humorvollen Beiträge der Konferenz zeichneten sich deshalb durch ihre thematische Heterogenität und einen manchmal eher relativen Bezug zur eigentlichen Reisethematik aus. Ohne immer „Schlüsselthemen“ im eigentlichen Sinne zu sein, waren sie in einem erstaunlichen Maße dadurch gekennzeichnet, dass sie sich eingehend mit Fragen der wissenschaftlichen Selbstreferenzierung und – verortung befassten und damit indirekt und unfreiwillig darauf verwiesen, dass Teile der Geistes-, Human- und Sozialwissenschaften derzeit einem erheblichen Rechtfertigungsdruck ausgesetzt sind. Dies galt für Fragen der Differenz und Intersektionalität des Reisens (Gabriele Habinger) wie für translatorische bzw. narratologische Ansätze der Reiseforschung (Jullija Boguna, Jost Eickmeyer), für die anregend präsentierte Reise nach Chronotopia (Hasso Spodo) und damit die historische Tourismusforschung wie für Aspekte der Migrationsforschung (Alexander Schunka), für die Verortung der Wissensgeschichte innerhalb der Fachdisziplin (Volkhard Wels) wie für disziplinäre Doppelbewegungen aus volkskundlicher Sicht oder, wie man heute sagen würde, aus der Perspektive der empirischen Kulturwissenschaft (Sonja Windmüller).
Dieser ebenso bezeichnende wie letztlich unglückliche Wandel in der Bezeichnung und damit im auch Selbstverständnis einer Wissenschaft, steht exemplarisch für die weiterführende, aber nicht immer hilfreiche Beschäftigung mit sich selbst. Dass die aufeinanderfolgenden Paradigmenwechsel, Theorie- und Methodendebatten nicht ausschließlich wissenschaftsinhärent sind, sondern – mehr oder weniger reflektiert – auch zeit- und gesellschaftsgebunden, sollte uns zum Nachdenken anregen.
Der Sinn des Reisens bestehe darin, die Vorstellungen mit der Wirklichkeit auszugleichen, und anstatt zu denken, wie die Dinge sein könnten, sie so zu sehen, wie sie sind, schrieb einst Samuel Johnson, der Mitte des 18. Jahrhunderts durch ein Wörterbuch der englischen Sprache berühmt wurde, welches bis heute fast alle vergleichbaren Lexika dieser sprachlichen Ausdrucksform beeinflusst.
In Abwandlung dieser Feststellung könnte man sagen, dass der Sinn des Forschens darin besteht, die Vorstellungen mit der Realität abzugleichen, und anstatt zu denken, wie die Dinge sein könnten, sie so zu sehen, wie sie sind bzw. waren. Dieser Satz ist nicht als Bezug zu Rankes Diktum zu verstehen, demzufolge der Historiker die Aufgabe hätte, aufzuzeigen, „wie es eigentlich gewesen“, was bekanntermaßen in dieser absoluten Form nicht möglich ist, sondern als ein Appel für ein zwar theoriegeleitetes, aber vor allem quellenkritisch orientiertes Forschen in einem Themenfeld, das uns durch die rund 9.000 gedruckten Reisebereichte der frühneuzeitlichen Überlieferung einen enormen Fundus liefert, vergangene Welten, Konzepte und Ideologien besser zu verstehen. Positiv herauszuheben ist in diesem Kontext der unmittelbare Bezug vieler Referentinnen und Referenten zu den historischen Quellen, die in Eutin durch die gesammelten Reiseberichte und vorhandenen Datenbanken in einmaliger Form zugänglich gemacht werden.
Von Rousseau´s Diskurs über die Ungleichheit aus dem Jahre 1755, der sich auf die Reisetätigkeit wahrheitssuchender Reisender zur philosophischen Erkenntniserweiterung bezog, über die Interpretation bildhafter frühneuzeitlicher Darstellungen von Künstlern unter Spionageverdacht (Ulrike Boskamp) sowie Martin Zeiller und seinen Fidus Achates, den getreuen Reisegefährten aus dem Jahre 1653, den der Direktor der Eutiner Landesbibliothek aus einem interkonfessionellen Blickwinkel zu betrachten suchte – wobei es schon damals weniger um Interkonfessionalität als vielmehr um das Bestreben ging, jenseits jeglicher konfessioneller Zuschreibung ein möglichst breites Publikum erreichen zu können – bis hin zu August Schlözer und seinem Entwurf zu einem Reise-Collegio aus dem Jahre 1777,
reichte das Spektrum herangezogener Reisebeschreibungen, ergänzt u. a. durch Hans Staden und seine Wahrhaftig Historia und Beschreibung aus dem Jahre 1557, Johan Schildtberger und seine wunderbarliche unnd kurzweylige Historie sowie Theodor Zwingers Theatrum vitae humanae aus dem Jahre 1565, dessen letztes Kapitel sich mit dem „unnützen Reisen“ befasste und in gewisser Weise als Gründungstext des historischen Romans gelten kann, während sein Methodus apodomica aus dem Jahre 1577 auf die Möglichkeit der Kenntniserweiterung durch das Reisen verwies und damit indirekt auf den Anfang der Geschichte der Sozialforschung.
Tatsächlich war das Spektrum der herangezogenen Quellen sehr weit gefächert. Während des Heiligen Abtes Brandan Historia und Schiffahrt in daß Paradis aus dem Jahre 1605 rein fiktiv war, die Hystorien vom Amadis auß Franckreich aus dem Jahre 1561 einen vielbändigen historischen Roman aus dem 16. Jahrhundert repräsentierten und das Ryssbuch deß heyligen Landes Ende des 16. Jahrhunderts in seiner Vorrede sieben Gründe für die Lektüre von Reisegeschichten aufführte, unterschied Gerhard Johannes Vossius in seiner De philologia aus dem Jahre 1650 bereits dezidiert zwischen „Geographia“, „Genealogia“ und „historia proprie dictam“, d. h. zwischen einzelnen wissenschaftlichen Ansätzen.
Während in der Diskussion durchaus kontrovers argumentiert wurde, beispielsweise wenn es darum ging, den Beginn der Differenzierung zwischen „Geschichte“ und „Geschichten“, zwischen historia vera, historia ficta und historia fabula chronologisch zu verorten, blieb allen Teilnehmenden letztendlich die Erkenntnis, die einst Gustave Flaubert schon formulierte: Reisen macht einen bescheiden. Man erkennt, welch kleinen Platz man in der Welt besetzt, eine Zustandsbeschreibung, die sich durchaus auf uns als Wissenschaftler übertragen lässt. Auch uns stände eine gewisse Bescheidenheit in der Formulierung von Gewissheiten durchaus gut zu Gesicht, schließlich nehmen auch wir, ob wir es wollen oder nicht, mit unseren Thesen und Gedanken nur einen winzigen Platz in Zeit und Raum ein.
Insgesamt können wir den Veranstaltern zu der anregenden und gut organisierten Veranstaltung nur gratulieren und ihnen viel Erfolg bei den durchaus ambitionierten Vorhaben wünschen, in nächster Zeit nicht nur einen Tagungsband, sondern auch eine neue, jährlich erscheinende Zeitschriftenreihe „In Via“ zur historischen Reisekulturforschung sowie ein entsprechendes Handbuch herausgeben zu wollen.


