
Lange Zeit galt die Überlieferung von rund 9.000 gedruckten Reiseberichten aus der Frühen Neuzeit vor allem als Gegenstand literaturwissenschaftlicher Forschung. Dabei stellt sie eine überaus ergiebige, bislang jedoch kaum systematisch erschlossene Quelle dar – sowohl für interdisziplinäre Forschungsansätze im Allgemeinen als auch für historische Untersuchungen im Besonderen. In ihnen verdichten sich Wahrnehmungen von Welt, Begegnungen zwischen Kulturen und Aushandlungen von Wissen, Identität und Macht auf einzigartige Weise.
Ausgehend von der Geschichte der Frühen Neuzeit verfolgt unser Projekt das Ziel, diese Quellen in neuen Zusammenhängen sichtbar und fruchtbar zu machen. Wir verstehen uns als Teil eines Netzwerks, das interdisziplinäre, interinstitutionelle und internationale Kooperationen pflegt. Dabei setzen wir auf die produktive Verbindung von traditionellen hermeneutischen und heuristischen Methoden mit neuen Technologien und Verfahren der Künstlichen Intelligenz. So möchten wir die komplexen Strukturen und Kontexte frühneuzeitlicher Reiseliteratur auf innovative Weise erschließen.
Im Mittelpunkt stehen unter anderem die in den Texten entworfenen Selbst- und Fremdbilder sowie Fragen nach der Zirkulation von Wissen, den medialen und ästhetischen Formen des Reisens und den globalen Verflechtungen, in die diese Berichte eingebunden sind. Reiseberichte fungieren als Medien der Welterfahrung: Sie verbinden Beobachtung, Beschreibung und Imagination und prägen damit europäische Vorstellungen von Natur, Kultur und Raum. Zugleich spiegeln sie Prozesse kultureller Übersetzung, emotionale und ästhetische Dimensionen des Reisens sowie Aushandlungen von Geschlechterrollen, sozialer Ordnung und Machtbeziehungen. Durch ihre multiperspektivische Anlage eröffnen sie neue Zugänge zu Fragen der Wissens-, Medien- und Mikrogeschichte. Die Analyse dieser vielschichtigen Textzeugnisse erfordert den Dialog zwischen verschiedenen Disziplinen – der Literaturwissenschaft, Anthropologie, Kunstgeschichte, Geographie und Geschichtswissenschaft. Ein besonderes Anliegen ist uns zudem die Förderung von Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftlern, um an der Schnittstelle von Geisteswissenschaften, Digital Humanities und KI-Forschung neue methodische Wege zu erproben und weiterzuentwickeln.
Kurz gesagt: Es geht uns darum, zu lesen und zu reisen – in der Hoffnung, vergangene und gegenwärtige Welten besser zu verstehen.


